Lavender JM Sugawara

Die Kastanie

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Es war einmal ein kleines Mädchen, das mit seiner Oma im Park gegenüber eine Kastanie aufsammelte.

So herausfordernd der Alltag der Familie auch war, so heiter war er. So ergab es sich, dass das Mädchen viel Zeit bei den Großeltern verbrachte. Mit seiner Oma schlenderte es durch den Park, bevor sie ihre Einkäufe erledigten, mit seinem Opa schaute es Tierdokumentationen oder puzzelte.

Der Park war der kleinere und schattigere zweier Parks, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite links und rechts von einer vielbefahrenen Querstraße abgingen und den Lärm der Stadt in ihren Baumkronen schluckten. Auf den ersten Blick wirkte er nicht besonders einladend, und auch das Mädchen empfand ihn oft als ein wenig zugig. Es freute sich, wenn es mit seiner Oma den einladenderen Park mit dem großen Spielplatz und dem Skatepark besuchen und die größeren Kinder beobachten konnte. Seine Oma jedoch bevorzugte den stillen, schattigen Park zu ihrer Linken.

Sie deutete nach oben, und das Mädchen reckte den Kopf zu den Baumkronen, die mit Kastanien mindestens so schwer bepackt waren wie seine Oma mit den Einkäufen. Ein kräftiger Wind zog vorbei und schüttelte an den Ästen. Unter dem Zerren des Windes und der Last seiner Früchte konnte einer der Bäume sie nicht mehr alle halten und ließ eine oder zwei fallen. Das Mädchen schaute in das Gesicht seiner Oma und rannte dann, ihr Nicken kaum abwartend, zu den in das Laubbett gefallenen Kastanien, von denen sich eine bereits aus ihrer stacheligen Schale zu lösen begann und das Mädchen in ihrem schönsten Rotbraun anstrahlte.

Diese Kastanie nahmen die beiden mit und zeigten sie dem Opa, der vorschlug, sie im Garten des jüngst gekauften, 1.084 Kilometer entfernten Hauses einzupflanzen, in das die Großeltern im kommenden Sommer ziehen würden. Sie bereiteten die Kastanie auf diese große Reise vor, indem sie sie zunächst in einem kleinen Topf zum Sämling heranwachsen ließen, dem sie täglich gut zuredeten.

Heute steht das Haus leer. Verkauft ist es nicht. Es ist, als könne sich niemand so recht davon lösen. In seinem Garten steht eine hochgewachsene Kastanie und spendet Gräsern und Unkraut Schatten, wo einst Gemüsebeete in stetem Wechsel angelegt, beerntet und erneuert worden waren. Ein Foto erinnert an die Zeit, als die Kastanie noch klein und das Mädchen schon etwas größer war und seine Großeltern wie jeden Sommer besuchte. Es hält sich am Arm seines Opas fest. Zu dessen Beerdigung würde es viele Jahre später kommen, nicht jedoch zu dem Abschied, den er sich so sehr gewünscht hatte. Seine Oma lebt heute eine knappe halbe Stunde von dem Baum entfernt, mit anderen Omas und Opas in einer Einrichtung, zu der ein Grundstück gehört, über das sich kilometerweite Felder, Gärten, Weiden und Hunderte Obstbäume erstrecken, unter deren Schatten man auf einer Bank die Seele baumeln lassen kann. Aber eine Kastanie gibt es dort nicht.